Eintrag 6 – Schwurtag 16. Desnus 4724 AR

Wie besprochen trafen wir uns im hellen Mondlicht im Innenhof des Doms. Abstallah und Audrani waren bereits bestens vorbereitet und bereit zu beginnen.
Nach einem kurzen Abgleich der wichtigsten Abläufe, starteten sie das Ritual.

Von solchen Ritualen wusste ich bis zu diesem Moment nur aus der Theorie. Doch dieses Wissen reichte bereits aus, um mich nervös zu machen. Wenn hier etwas schief gehen würde, wären die Fähigkeiten eines Klerikers am meisten gefragt, dieser Gedanke legte eine schier unerträgliche Last auf meine Schultern.

Boingart und Sumack schienen ruhig, sie warteten geduldig ab was geschah, während Karelia nicht aufhören konnte ihre Skepsis gegenüber dem Vorhaben kundzutun. Die Priester haben kaum begonnen sich in den nötigen tranceartigen Zustand zu begeben, als einer der Akolyten mit verzweifeltem Gesichtsausdruck zu uns gerannt kam. Er berichtete von einem Mob wütender Bürger, der sich vor dem Dom versammelt hatte und lautstark Einlass forderte.

Da um jeden Preis eine Unterbrechung verhindert werden musste, eilten wir zum Haupttor, um die Leute zu besänftigen.
Wie erwartet waren sie wütend weil sie von dem Ritual erfahren hatten, allen voran stand Charn Scarnetti der sein Möglichstes tat die Gruppe weiter aufzuhetzen. Ihre Schimpftieraden bestanden aus Vorwürfen “die Toten zu verhöhnen” bis zu “mit bösen Geistern spielen”.
Sie verstanden nicht genau was vor sich ging, waren verängstigt und suchten Schutz in ihrer Wut.

Sumack und Karelia bauten sich vor dem Tor auf und begannen mit den Leuten zu sprechen, die ihnen tatsächlich Gehör schenkten. Sie fanden die richtigen Worte, um die Gemüter zu beruhigen, ihre Ängste zu lösen und sie daran zu erinnern das sie eigentlich gute Leute waren.
Einige murrten noch, andere wirkten ehrlich beschämt über ihren wütenden Auftritt. Selbst Charn Scarnetti wurde ruhig und fand keine Argumente mehr, die Karelia und Sumack nicht im Keim ersticken würden.
Die Menge löste sich auf und alle zogen ihres Weges. Wir hatten kaum wieder das Tor geschlossen, liefen wir schnell zurück zu Abstallah und Audrani um die beiden keine Minute zu lange allein zu lassen.

Glücklicherweise lief das Ritual noch wie geplant und es zeigten sich keinerlei Probleme. Wir verteilten uns etwas und beobachteten schweigend, wie die Priester mit geschlossenen Augen in monotoner Stimme rezitierten. Einige fröhlich aussehende Geister tanzten dazu im Mondlicht umher.
Doch schon bald änderte sich die Atmosphäre, als schattenhafte Skelette begannen nach den tanzenden Geistern zu schlagen.

Das erste erhob sich direkt neben Karelia vollständig aus dem Boden, schlug nach ihr und zerrte mit seiner diffusen Knochenhand an ihrem Schatten. Für einen erschreckenden Moment wich die Farbe aus ihrem Gesicht, der Angreifer schien ihr Kraft und Lebensgeister gleichermaßen zu rauben.
Nur einen Wimpernschlag später, fand Boingart sich ebenfalls im Griff eines Schattenskelettes wieder. Auch dieser Angriff hatte die gleichen erschreckenden Auswirkungen.

Eine weitere Auswirkung war es das die beiden Opfer der Skelette nun mehr als wütend waren und mit ihren Waffen wahllos auf die Gegner einschlugen. Doch die Skelette waberten um die Angriffe herum und schienen sich kaum an ihnen zu stören.
Auch das heilige Wasser mit dem Sumack versuchte den Feind in Schach zu halten, erzielte nicht die ersehnte Wirkung. Bald waren all meine Gefährten verletzt und in einem scheinbar aussichtslosen Kampf verstrickt.

Karelia schickte mich mit ihrem befehlenden Ton in die abgeschottete Mitte zwischen ihr und den anderen. Ich war voller Sorge um meine Schwester, die tiefe Wunden trug und deren Schatten zerfaserte, mehr und mehr schienen ihre Kräfte zu schwinden. Die trügerische Sicherheit hinter ihnen, erlaubte es mir mich ein wenig zu beruhigen und mich auf meine Fähigkeiten zu konzentrieren. Zweimal schickte ich heilige Energie durch Gegner und Freunde. Die einen kreischten vor Schmerz auf die anderen fanden Heilung im bläulichen Licht das Desnas Schmetterlinge zu ihnen trugen.

Die neu gewonnene Kraft schien Karelia zu beflügeln, die eine Feuerkugel auf das Skelett vor ihr rollen ließ und ihr Schwert direkt hinterherschickte. Mit der Hilfe von Sumacks Dolch, schicken sie es zurück ins Jenseits.
Auch Boingarts Augen glitzerten wieder, ich bin nicht sicher ob die Heilung oder die Schmerzensschreie der Gegner ihn mehr motiviert hatten, jedenfalls fällte er in wilder Raserei die beiden letzten schattenhaften Gestalten.

Wir hatten kaum Zeit zu Atem zu kommen, da beendeten Audrani und Abstallah auch schon das Ritual.
Mit einem schrecklichen Wehklagen erhob sich Nualias geisterhafte Gestalt aus ihren Gebeinen. Ein blaugrüner Schimmer umgab sie und sah sehr wütend aus. Sie erkannte Abstallah, und schrie das er sie wie alle anderen einst gehasst hatte.
Abstallah war noch in tiefer Trance und nicht in der Lage auf ihre Anklage zu reagieren. Es war allein an uns ihren wütenden Geist zu besänftigen.

Mir fielen all die Lehren wieder ein, die ich gehört und gelesen hatte, um einen wütenden Geist zurück zur Ruhe zu führen. Ich sprach mit ihr und sie schien meinen Worten zu lauschen, aber wehrte sich noch dagegen sie zu glauben. Viel zu tief saß ihr Hass auf Sandspitze und seine Bewohner.
Mit der Hand auf meiner Schulter, trat Karelia an meine Seite und vermittelte Nualia wortgewandt das unser Vorhaben nur zu ihrem Vorteil war. Zusammen gelang es uns ihren Zorn ein wenig zu mildern und wir konnten sehen, wie ihre geisterhaften Gesichtszüge weicher wurden.

Das Nächste was sie uns zu sagen hatte, war eine Warnung die für uns alle unvermittelt kam. Sie sprach von sieben Verhängnissen in der Zukunft von Sandspitze. Weiter sagte sie das ihr beinahe ein Gefallen getan wurde, als man sie tötete, bevor die sieben Verhängnisse beenden was vor langer Zeit begonnen wurde.

Obwohl ihr mit diesem Ritual vergeben wurde, schaffte sie es nicht denen zu vergeben die sie einst gequält hatten, denn die hätten mehr verdammt als sie es je gekonnt hätte. Sie lud uns ein sie im Land der Toten zu besuchen, wenn die Grube die sieben Verhängnisse ausgespuckt hatte, um vielleicht dann denen zu vergeben die sie einst ruiniert hatten.
Was genau sie damit meinte erklärte sie uns nicht, jedoch bemerkte ich das ihre Wut wieder wuchs und redete erneut beruhigend auf sie ein. Wieder ließ ihre Wut nach und machte diesmal Platz für ihre überwältigende Trauer.

Die Traurigkeit, die von ihr ausging, war für uns alle spürbar und ließ uns erschaudern. Nualia begann langsam zu schwinden, hatte aber noch einige Worte der Warnung für uns.
Neue Feinde würden sich erheben und nicht alle die Sandspitze früher geplagt hatten würden ruhen. Einer wünscht sich die Verhängnisse, und er würde auf rote Schwingen hören. Wir sollten uns beeilen, denn wenn wir nicht rechtzeitig in die Grube einzutauchen, wären wir seinen Feuern ausgesetzt.

Mit diesen Woten verschwand Nualias Geist und die angespannte Atmosphäre verwandelte sich zurück in die ruhige klare Mondnacht in der wir begonnen hatten.
Wir alle und auch Abstallah und Audrani waren zu erschöpft um noch lange zu reden. Wir tauschten lediglich die wichtigsten Informationen aus und versprachen uns am nächsten Tag, frisch ausgeruht wieder zu treffen.

Während ich diese Zeilen schreibe, erwachen bereits die Vögel. Sicher wird es schon bald hell, meine Chance ausgeruht im Dom zu erscheinen ist verschwunden wie Nualias Geist. Die Gedanken in meinem Kopf wollten einfach nicht ruhen und hielten mich die ganze Nacht wach. Karelia ist vor dem Kamin eingeschlafen, der Whisky hat nachgeholfen. Zumindest wird sie genauso angeschlagen sein wie ich, wenn wir zum Dom gehen.